Ein Papa lernt Einradfahren

21.03.2020 | Segerer

 

Den Spruch kennt jeder: "Das ist wie Fahrradfahren, das verlernt man nicht." Die wenigsten wundern sich ernsthaft darüber. Aber so selbstverständlich ist das doch gar nicht, oder?


Die wahre Bedeutung dieser Redensart erschließt sich mir erst, seit ich im zarten Alter von 38 das Einradfahren erlernte. Aber der Reihe nach.

 

Ein Gedächtnis das nichts vergisst… das würdest Du merken. Das fällt auf. Der Effekt muss gewaltig sein. Würde Dein Leben verändern. Plötzlich könntest Du Dich an den Satz des Pythagoras und die Hauptstadt von Frankreich erinnern. Du wüsstest, wie Dein Gegenüber heißt. Würdest Dich spontan an den Namen unserer Frau Bundeskanzlerin erinnern. Und könntest abends nach anstrengendem Tag Deine Tochter mit dem richtigen Vornamen anreden…

 

Erinnerungen an Erlebnisse wie den Tag unserer Einschulung, den ersten Kuss oder den letzten Kinobesuch liegen im so genannten episodischen Gedächtnis. Faktenwissen, wie der Satz des Pythagoras oder die Hauptstadt Frankreichs wird im semantischen Gedächtnis gespeichert. Diese beiden Arten von Gedächtnisinhalten haben eines gemeinsam. Man ist sich bewusst, dass man sie weiß.


Anders verhält es sich mit dem oft als unverlernbar bezeichneten Radfahren. Die Antwort auf die Frage, ob man nach einer z.B. virusbedingten Pause überhaupt noch fahren könne, kann man nicht mit zweifelsfreier Sicherheit geben. Man hat vielleicht eine Vermutung, aber die Radfahrfähigkeit müsste in einem Versuch erst unter Beweis gestellt werden. Wieder im Sattel, fährt es sich ziemlich sicher, als hätte man nie pausiert. Angelernte Fertigkeiten, motorische Bewegungsabläufe und Automatismen werden in einem anderen, weniger störanfälligen Teil des Gedächtnisses - im prozeduralen Gedächtnis in der linken Gehirnhälfte - sicher verwahrt.


Es ist ein Meilenstein auf dem Weg zum Großwerden: das erste Fahrrad. Erinnerst Du Dich noch an die ersten paar Meter, die Du als Kind mit dem Fahrrad gemeistert hast? Vielleicht auch an den Duft von Frühling, weil das Rad nach dem Winter mit dem Osterhasen kam? Papa rannte anfangs noch im Dauerlauf und mit der Hand am Gepäckträger nebenher. Irgendwann hat er dann einfach losgelassen. Dass man ohne Hilfe fuhr, merkte man erst, als er von Weitem rief "Super, du fährst ganz alleine!". Die Angelegenheit war noch wackelig. Aber Du wusstest sofort: Das ist die neue Unabhängigkeit! Jenen Meilenstein durfte ich ein weiteres Mal erleben...


Lese ich vor ein paar Jahren in der Zeitung folgende Anzeige: "Die Abteilung Einrad lädt ein zu einem Schnupperkurs - Einradfahren lernen für Erwachsene an sechs Abenden." Meine Affinität zum Radsport durch das Mountainbiken, und eine gewisse sportliche Grundbegabung, hat mich möglicherweise zu der Annahme verleitet, doch recht schnell erste Erfolgserlebnisse verbuchen zu können. Frei nach dem Motto: A bisserl was geht immer. Ja, Pustekuchen! Nix geht. In alle Richtungen bin ich runtergefallen... am Ende der sicheren Gasse, bestehend aus zwei Schwebebalken. So ging das Abend für Abend...


So geht das nicht weiter, hab ich mir gedacht...! Vom Ehrgeiz gepackt, mussten nun radikalere Maßnahmen ergriffen werden. Im Schutz der Dunkelheit - so dass mich die Nachbarn nicht sehen konnten - musste nun Antonia's Kinderbuggy herhalten und Halt bieten. Auf dem Einrad sitzend, hab ich ihn vor mir hergeschoben. Eigentlich recht komfortabel, nur der Erfolg ließ auf sich warten.


Und dann passierte etwas ganz erstaunliches. Werde ich nie vergessen! Ich wieder einen ganzen Abend auf dem Garagenhof verbracht. Anschließend völlig entkräftet ins Bett und in einen tiefen, traumlosen Schlaf gefallen. Am nächsten Abend... machte es Kabumm! Die ersten Meter freie Fahrt voraus - wie aus dem Nichts vom Himmel gefallen. Über Nacht sind offensichtlich die letzten Millionen noch fehlenden neuronalen Verbindungen gewachsen... und seither nie mehr verschwunden. Selbst wenn ich heute monatelang nicht auf dem Einrad sitze... ich kann mir sicher sein, es nicht verlernt zu haben. Eine ähnliche Erfahrung hat offenbar Nina Herzog auch gemacht, die selbst nach 7 Monaten ohne Training das "Stand Gliding" nicht verlernt hat... wie sie auf Instagram eindrucksvoll zur Schau stellt.


Viele Menschen wissen gar nicht, dass sich ihr Gehirn auch im Alter noch verändern kann. Jahrhunderte lang ging man nämlich davon aus, das Gehirn sei wie unser Körper irgendwann erwachsen. Fertig, vollendet, unveränderbar. Deshalb glauben auch heute noch viele hartnäckig daran, dass ihre geistigen Kräfte ab einem bestimmten Alter quasi unweigerlich nachlassen. Das führt zu einer fatalen Bequemlichkeit. Frei nach dem Motto: Wenn der Kopf irgendwann eh den Geist aufgibt, kann ich es mir auf den letzten Metern auch getrost gemütlich machen. Dabei ist genau diese Einstellung der Grund dafür, dass der Geist im Alter an Kraft verliert!


Inzwischen wissen wir, dass in unserer Schaltzentrale unablässig umgebaut und neu verschaltet wird. Unser Gehirn ist also niemals einfach fertig, sondern im fortlaufenden Prozess der Veränderung. Dein Gehirn hungert im wahrsten Sinne des Wortes nach neuen Eindrücken, um weiter zu wachsen. Neue Erfahrungen sind der Jungbrunnen Deiner neuronalen Verknüpfungen.


Neuroplastizität ist das Forschungsgebiet der Neurowissenschaften, das momentan die meisten bahnbrechenden Erkenntnisse hervorbringt. Lasse Dein Gehirn nicht unbeaufsichtigt und bleibe neugierig! Lerne doch mal was Neues - Einradfahren zum Beispiel...

 


 




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