Ein Leben mit Hermann

15.02.2020 | Janotta, Treplin

 

Seit fünf Jahren lebt er nun bei uns, unser fünfter Hausgefährte. "Er" ist ein Zweibeiner, pflegeintensiv, egozentrisch und schwer erziehbar wie so ziemlich jedes andere Haustier auch. Sein Platz ist traditionell im Flur, wo "er" jeden ankommenden Gast sofort eifersüchtig und misstrauisch in Augenschein nimmt. Sollte sich der Fremde ungebührlich aufführen, also beispielsweise unseren fünften Hausgefährten ohne vorherige Absprache auch nur streifen, passiert’s. Dann lässt er den Eindringling seinen Unmut sofort spüren: Sein Sattel saust blitzschnell und ohne jede Chance auszuweichen - direkt auf die Zehen des Besuchs. Und wir anderen Hausbewohner müssen mal wieder einen ganzen Abend lang uns für den impulsiven Ausrutscher unseres Aufpassers entschuldigen. Mehrfach haben wir aus diesem Grund schon darüber nachgedacht ihn anzuleinen, aber das erschien uns dann doch irgendwie zu grausam.


Trotz seiner unfreundlichen Begrüßungen lieben wir "es", unser Haustier. Es gehört einfach zu unserem alltäglichen Leben und ist daraus nicht mehr wegzudenken. Zwar hat es seinen niedlichen Welpenstatus längst verloren und ist nach einigen Wachstumsschüben endlich in voller Höhe ausgewachsen, aber einen Namen hat das Einrad deswegen immer noch nicht. Weshalb wir es jetzt der Einfachheit halber mal "Hermann" nennen wollen.

 

Hermann, wie gesagt, ist mindestens so pflegeintensiv wie ein Haustier. Er braucht zum Beispiel regelmäßig ein paar Mal in der Woche mehrstündigen Auslauf. Darin ist er weniger vergleichbar mit einem Hund, denn frische Luft oder Waldwege liegen Hermann nicht besonders. Er ist in seinem Bewegungsdrang eher wie ein Pferd, das regelmäßig seine Runde in einer Halle dreht. Bei intensivem Zureden springt Hermann sogar über das eine oder andere Hindernis. Dies allerdings eher widerwillig und ohne größere erkennbare Motivation. Vermutlich sieht sich Hermann besser im Dressurbereich aufgehoben. Das passt sowieso besser zu seiner hochnäsigen Haltung.

 

Nicht, dass sich Hermann leicht zu Kunststückchen bewegen ließe. Eigentlich stellt er sich ziemlich oft quer, besonders bei neuen Ideen. Zureden, Schimpfen oder Bestechung mit Schokolade bringen nichts. Es kann mitunter Wochen oder gar Monate dauern, bis Hermann das macht, was man von ihm verlangt. Und auch das dann eher unzuverlässig.

 

Zu Anfang hat er noch jeden Reiter abgeworfen, sich dann aber schnell an seine Bestimmung als Lasttier gewöhnt. Heute trägt er einigermaßen beständig seine junge Reiterin. Solange man nicht von ihm verlangt, dass er sich fortbewegt, während der Sattel auf dem Boden schleift. Dann nämlich bockt Hermann.

 

Immerhin, er ist nicht besonders gefräßig. Früher dachten wir, er lebe allein von Luft und Liebe. Luft haben wir ihm regelmäßig mit der Pumpe zugeführt, die Liebe – na ja – war über die Jahre gewissen Schwankungen unterworfen. Je nachdem, wie kooperativ sich Hermann im Training zeigte. Seit neuestem ist uns klar, dass er doch nicht so genügsam ist, wie wir das zunächst angenommen haben. Er braucht Jerseys, regelmäßig, Meisterschaft-Jerseys, und davon möglichst viele. Hermann hat sich dabei als nicht besonders wählerisch erwiesen, weswegen wir zu dem Schluss gekommen sind, dass er, ähnlich wie Katzen, farbenblind sein muss. Schließlich nimmt er wahllos auch die besonders hässlichen.

 

Bei allen seinen zickigen Eigenschaften sollten wir nicht unerwähnt lassen, warum sich Hermann trotzdem in unser aller Herzen eingeschlichen hat. Er ist einfach ein absoluter Team-Player. Na gut, von allein bewegt er sich keinen Zentimeter, die Arbeit überlässt er nur allzu gern allen anderen. Aber er zeigt sich stets als beständiger Freund, hat echtes Rückgrat und ist in einer Weise anhänglich, dass man vor lauter Kuscheln fast schon blaue Flecken bekommt. Wir jedenfalls hoffen, dass Hermann noch lange Zeit ein Teil unserer Familie bleiben wird.

Anja Janotta und Rebecca Treplin

 

 

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